Historischer Verein
Stadt Neunkirchen e.V.

Historischer Verein Stadt Neunkirchen e.V.

hvsn_kopf_01


Das Gymnasium am Krebsberg
Geschichte einer gemeindeeigenen höheren Schule
von Wolfgang Melnyk - 1. Teil
 
gag_01.jpg
Nach langem Suchen einigten sich Stadtverwaltung und Regierung auf den Platz am Hang des Krebsberges

gag_02.jpg
Das Gymnasium im Rohbau

gag_03.jpg
Aufnahme aus dem Jahre 1951

gag_04.jpg
Die höhere Schule im Jahre 1960
Bei dem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nimmt es nicht wunder, das sich die Stimmen mehrten, die ein über die Volksschule hinausgehendes Bildungsangebot verlangten. Die ersten Schritte in dieser Richtung wurden von privater Seite unternommen. Ostern 1864 wurde eine Familienschule die Knaben und Mädchen für die Aufnahme in eine höhere Schule vorbereiten sollte. Die Schule war in ihrem Aufbau einklassig und wurde von circa 40 – 50 Knaben und Mädchen besucht, die getrennt unterrichtet wurden. Die benötigten Räume wurden von Karl-Ferdinand Stumm in einem Gebäude in der Bahnhofstraße zur Verfügung gestellt. Diese Schule ist gewissermaßen der gemeinsame Ursprung der beiden Neunkircher Gymnasien. Da die Schule offenbar unter finanziellen Schwierigkeiten litt wurde der Unterricht für Knaben bereits 1869 wieder eingestellt. Der Wunsch nach einer höheren Schule wurde jedoch immer stärker. 1869 beschloss der Stadtrat mit der Planung einer solchen Schule zu beginnen. Nachdem sich aber dieses Vorhaben aus finanziellen Gründen und wegen der Ablehnung durch den Landrat nicht verwirklichen ließ, dachte man erneut an eine Privatschule. Doch auch hier zeichnete sich keine schnelle Lösung ab. 1874 überschritt die Einwohnerzahl Neunkirchens die 10.000. Erneut unternahm der Gemeinderat am 13. März 1874 einen Vorstoß zur Errichtung einer gemeindeeigenen höheren Schule und beauftragte eine Kommission zur Durchführung der erforderlichen Vorarbeiten. Nach der Genehmigung durch den Trierer Regierungspräsidenten konnte am 12. April 1875 die Schule eröffnet werden. In der Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Realgymnasiums Neunkirchen 1925 heißt es dazu in dem damals üblichen pathetischen Ton: Nicht einer frommen Klosterstiftung, nicht der Gunst eines Fürsten verdankt das Neunkircher Realgymnasium sein Dasein. Vielmehr reiht es sich ein in den Kreis der städtischen Schulen die strebsamer Bürgersinn geschaffen hat.
Erster Rektor wurde der wissenschaftliche Lehrer Dr. Hermann Kappel. Damit fällt die Gründung der ersten höheren Schule in Neunkirchen in einen Zeitraum, der geprägt war von einer regen Bautätigkeit in Neunkirchen. 1853 wurde die Schlossschule erweitert, 1856 die Gerichtsschule, 1866 die Schule Victoriastraße, 1876 die Schule Heinitz, 1881 die Schule Zweibrücker Straße, 1887 die Schule Wellesweiler, 1890 die Schule im Langenstrich, 1894 die Schule Falkenstraße, 1900 die Schule Jägerstraße, 1905 die Bachschule und 1906 die Schule Friedrichstraße erbaut. Bereits 1869 wurde in der Schlossstraße eine bergmännische Werkschule eingerichtet. In diese Zeit fällt aber auch die Errichtung des Neunkircher Wasserwerks 1876. 1879 erhielt Neunkirchen ein Amtsgericht. 1874 wurde ein neues Hüttenlazarett das Victoriahospital erbaut. Diese keineswegs vollständige Aufzählung soll einen Eindruck über die stürmische Entwicklung des Dorfes Neunkirchen vermitteln.
Mit der Eröffnung der Schule waren die Wünsche der Neunkircher endlich in Erfüllung gegangen. Mit 56 Schülern wurde die erste Klasse eröffnet. Da ein Schulhaus nicht zur Verfügung stand mußte man die Schüler vorerst im Saal der Gastwirtschaft Kramb in der Hüttenbergstraße 23 unterbringen. Der Wirt und Bäckermeister Kramb nutzte diesen Saal aber auch für Tanzbelustigungen. „Da dieser Tanzsaal mit der Würde einer Schulanstalt nicht vereinbar war“ gab die Regierung die Genehmigung nur unter der Vorraussetzung, dass binnen Jahresfrist angemessene Räumlichkeiten beschafft werden. Darauf beschloss der Gemeinderat noch 1875 den Neubau eines eigenen Hauses für die höhere Schule. Bis zur Fertigstellung des Neubaus wurden zwei Unterrichtsräume bei dem Wirt Konrad Jochum in der Königstraße angemietet. 1877 konnte dann das neue Schulhaus in der Victoriastraße bezogen werden. Eine Erweiterung der Schule durch die Angliederung einer Sekunda in ein Progymnasium versagte die Regierung vorläufig die Genehmigung.
Seit Gründung der Anstalt mussten die Schüler ein Schulgeld entrichten, dessen Höhe sich nach der Klassenstufe richtete. Sextaner hatten 60, Quintaner 75, Quartaner 80 und Tertianer je 90 Mark pro Schuljahr zu bezahlen. Da das Schulgeld die Kosten nicht decken konnte, mußte die Gemeinde einen Zuschuss gewähren. Dieser Zuschuss belastete den Gemeindetat in erheblichem Maße. 1894 bot Karl-Ferdinand von Stumm an, der Schule einen jährlichen Zuschuss von 10.000 Mark zu gewähren. Dies gab die Möglichkeit, die Schule in eine Vollanstalt umzuwandeln. 1896 platzte die Schule aus allen Nähten. In den Schuljahren 1896/97 und 1897/98 mussten Räume in Privathäusern angemietet werden, sodass der Unterricht in vier verschiedenen Gebäuden stattfand. 1900 mussten 20 Sextaner aus Raummangel abgewiesen werden. So wurde bereits 1898 mit dem Bau eines neuen Schulhauses in der Oststraße begonnen.
Am 1. August 1900 fand in feierlicher Form der Umzug statt. Als nach einem Festgottesdienst und einer Abschiedsfeier auf dem Schulhof des alten Gebäudes die 245 Schüler, die acht Lehrer und zahlreiche Gäste zum Neubau zogen war es für die Schule und die Neunkircher Bevölkerung ein großes Ereignis. Das bereits 1894 gesteckte Ziel, die Schule zu einer Vollanstalt auszubauen, nahm man nun mit neuer Energie wieder auf. Zu dem verdienstvollen Einsatz von Direktor Wernicke und Bürgermeister Ludwig an der Spitze des Kuratoriums trat wiederum die Hilfe des großen Förderers der Anstalt, des Freiherrn von Stumm-Halberg. Er sagte eine Verdoppelung seines jährlichen Zuschusses auf 20.000 Mark zu, wenn die Schule zu einem Realgymnasium ausgebaut würde. Da auch die oberste Schulbehörde sich diesem Wunsch nicht länger verschließen konnte, wurde bereits mit Beginn des neuen Schuljahres 1901 die Obersekunda mit 14 Schülern angegliedert, Unter- und Oberprima folgten. Die folgenden Jahre waren von einer steten Aufwärtsentwicklung geprägt. Neunkirchen wurde zum größten Dorf Preußens. Der industrielle Aufschwung hielt an, die Einwohnerzahl wuchs weiterhin stürmisch. 1904 fuhr das erste Auto in Neunkirchen, 1907 wurde die Straßenbahnlinie eröffnet. Auf den Gruben in Neunkirchen waren rund 12500 Menschen beschäftigt und auf der Hütte standen knapp 5000 Menschen in Arbeit. Die Blies wurde reguliert und die Gemeinde baute die Gas- und Elektrizitätsversorgung auf.
Im ersten Weltkrieg wurde der Schulbetrieb durch die Einberufung vieler Lehrkräfte und Schüler aus den Oberklassen stark beeinträchtigt. Nach dem Krieg besserten sich die Verhältnisse nur langsam. 1920 fand nach Jahren des Notabiturs die erste ordnungsgemäße Reifeprüfung statt. Im gleichen Jahr wechselte auch die Schulaufsichtsbehörde. Durch den Versailler Vertrag war ein vom Völkerbund verwaltetes Saargebiet geschaffen worden. Somit wurde die Schule der Abteilung für Kultus und Schulwesen bei der vom Völkerbund ernannten Regierungskommission unterstellt.

Ende des 1. Teils
Quelle: Fotos Raber/Schwenk
Wolfgang Melnyk