Historischer Verein
Stadt Neunkirchen e.V.

Historischer Verein Stadt Neunkirchen e.V.

Neunkirchen vor 100 Jahren
Im Jahre 1901 gab es nicht nur ein Neunkirchen
– 2. Teil – von Werner Fried
 
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Viktoriastraße, links Lyceum (Mädchengymnasium) und rechts die Viktoriaschule

Viktoria-Krankenhaus im Volksmund Hüttenkrankenhaus genannt

Magdalenen-Krankenhaus, ab 1934 Fliedner-Krankenhaus
Das Fahrradfahren war auch damals in Neunkirchen schon kein großes Vergnügen, bedingt durch das holprige Pflaster oder die oft schlechten, mit Schlaglöchern übersähten geschotterten Straßen, und laut Amtsblatt vom 4.4.1901 war es auch untersagt, die Hüttenberg-, Schul-, Berg-, Ritzwies-Adler-, Josef- und Zweibrückerstraße bergab zu befahren, auch nicht den Schloßberg, Vorderer Teil der Schloßstraße und den Schmalenweg, die heutige Rollerstraße, also praktisch alle steilen Straßen.
Die Kirchen hatten schon vor der Jahrhundertwende auf den rapiden Bevölkerungszuwachs reagiert, und so gab es seit 1868 als Ersatz für die niedergerissene kleine Kirche die neue und größere evang. Kirche an der Ecke Oberer Markt- Heizengasse, die man im Volksmund einfach die „Obere Kirche“ nannte, im Gegensatz zu der 1869 für den Unterort zusätzlich errichteten, zweiten evang. Kirche, die man die „Untere Kirche“ nannte.
Auch den Katholiken stand seit 1891 an Stelle ihrer alten Kirche eine neue, größere Kirche, die heutige Marienkirche zur Verfügung, und auch die jüdische Gemeinde besaß seit 1865 ihr eigenes Gotteshaus, die Synagoge, die an der Ecke Oberer Markt - Synagogenstraße, der heutigen Irrgartenstraße, stand (14).
Mit der Bevölkerung war natürlich auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder ständig gewachsen, so dass es immer wieder Schulraumnot gab, neue Schule gebaut oder andere erweitert werden mussten. Jetzt im Jahre 1901 gab es Schulen in der Schloßstraße, der Gerichtsstraße, der Langenstrichstraße, der Viktoriastraße, der Zweibrückerstraße, der Schulstraße, der Falkenstraße und seit 1900 auch die neue Schule in der Jägerstraße.
Außerdem gab es noch das Mädchengymnasium in der Viktoriastraße mit 78 Schülerinnen und das im Vorjahr neu errichtete Knabengymnasium in der Oststraße mit 283 Schülern (15). Die Volksschulen waren Konfessionsschulen, entgegen den höheren Schulen, die von Anfang an Gemeinschaftsschulen waren.
Am 2.4.1901 hatte man gerade auch die Schulpflicht für die gewerbliche Fortbildungsschule (im Haus der Viktoriaschule) eingeführt, mit der Maßgabe, dass der Zeichenunterricht an den Sonntagvormittagen zwischen 7 Uhr 30 und 9 Uhr 30 stattfinden soll.
Am gleichen Tag wurde im Gemeinderat auch der Landerwerb zum Bau einer neuen Schule in der Breitwies beschlossen, der späteren Bachschule.
Mit der Bevölkerung war auch kontinuierlich der Bedarf an medizinischer Versorgung gewachsen, nicht zuletzt auch wegen der Unfallverletzten auf dem Eisenwerk und auf den Gruben. So gab es bereits seit 1874 das auch „Hüttenkrankenhaus“ genannte Viktoria-Hospital, seit 1896 das kath. St. Josefs-Krankenhaus, und seit 1874 auch das neue, auf dem Gelände des ehemaligen Mehlpfuhlschachtes errichtete Knappschaftskrankenhaus. Neu hinzugekommen war im Dezember 1900 das ev. Magdalenenkrankenhaus, genannt nach dem Vornamen der Ehefrau des Brauereidirektors Schmidt, der das Baugrundstück gestiftet hatte. (16)- Erst 1934 erhielt es nach dem Gründer der Diakonissenanstalt, Theodor Fliedner, den Namen „Fliedner-Krankenhaus“. Bezüglich des Mehlpfuhlschachtes, auf dessen Gelände jetzt das Knappschaftskrankenhaus stand, schrieb der „Bergmannsfreund“ am 16.4 1901 wie folgt:
„Von dem ehemaligen Mehlpfuhlschacht zeugt nur noch eine Bergehalde hinter dem Knappschaftslazarett. Ein Teil ist eingeebnet und lässt nicht mehr seinen Charakter erkennen. Die Oberfläche ist in einen schönen Park mit grünen Rasenbeeten, Blumen und allerhand Zierpflanzen verwandelt, und dient den Rekonvaleszenten im Knappschaftslazarett zu einer lieblichen Promenade. Der andere Teil der Halde wird gegenwärtig zu einem mehr prosaischen Zwecke ausgebeutet. Er wird abgefahren und zum Auffüllen der Geländeneigungen benutzt, durch die sich die neue Straße vom Knappschaftslazarett bis zur Bliesmühle zieht. Ein gutes Stück der Halde ist bereits verschwunden und täglich wird sie kleiner.“ Und ganz unabhängig davon meldete der „Bergmannsfreund“ am 10.12.1901 auch, dass der Konsum von Pferdefleisch rapide zugenommen habe. Im Oktober habe man 11 Pferde geschlachtet, im November aber schon 24, also mehr als doppelt so viele. Einen Kommentar dazu gab er nicht. Man kann aber wohl daraus schließen, dass die Not in den untersten Schichten der Bevölkerung gewachsen war, denn Pferdefleisch war wesentlich billiger.
Am 25.1.1902 hat der „Bergmannsfreund“ dann, wie die große Mehrheit damals auch, seine Kaisertreue bekundet mit einem zum Kaisergeburtstag auf der ersten Seite abgedruckten Gedicht in 6 Versen, dessen erster Vers wie folgt lautete:
 
Wie flattern die Fahnen heut im Wind!
Die Kirchenglocken klingen,
Und alle: Mann, Frau und Kind,
Ihr Lob- und Danklied singen.
Straßauf, straßab ein Fahnenwald,
des Festes Wegeweiser;
Und alles jubelt, jauchzt und schallt:
„Geburtstag hat der Kaiser!“
 
 
Neunkirchen aber war auf dem Wege zur Stadtwerdung, was darin zum Ausdruck kam, dass man dabei war, Gasleitungen und Wasserleitungen zu verlegen, Abwässerkanäle zu bauen, und nach und nach die Straßen zu pflastern. Es gab auch schon einige wenige Telefonanschlüsse, und schon seit 1896 beschäftigte man sich auch mit dem Gedanken, eine Straßenbahnlinie zu installieren, was dann erst 1907 geschah.
Das Neunkirchen des Jahres 1901 hatte dennoch einen sehr bäuerlichen Zuschnitt, so dass es in beiden Gemeinden, ganz im wörtlichen Sinne, noch viel Mist und notwendigerweise auch viele Misthaufen gab. Schließlich spielte sich ja auch das ganze Transportwesen noch per Pferdefuhrwerken und Ochsengespannen ab.
So gab es im Jahre 1902, was man nicht minder auch für das Jahr 1901 unterstellen kann, in beiden Neunkirchen folgenden Viehbestand:
 
 
in Neunkirchen
in Nieder-Neunk
Pferde 628 13
Maultiere 2 -
Rindvieh 422 16
Schafe 11 -
Schweine 1332 78
Ziegen 521 86
Federvieh 6922 538
Bienenstöcke 127 -
Die Gemeinde Oberneunkirchen unterhielt dazu auf ihre Kosten die notwendigen 4 Stiere und mehrere Ziegenböcke. –
Ende Teil 2 –
Werner Fried